Der größte Feind des Hundeführers ist der Hundehalter. Deshalb wähle ich inzwischen den Kontakt zu anderen Hunden aus und fahre nicht mehr am Winterwochenende mit 150 Hunden und deren abgeleinten Anhängseln herum zum Kieler Stadtstrand: „Spiel doch mal! Dafür sind wir schließlich hier!“ Halbe Baumstämme fliegen ins 4° kalte Wasser, der Aussie zieht mit fast ausgehängtem Kiefer den Brocken raus. Und noch einmal! Lustig ist es auch, Futter ins Wasser zu werfen, da steigt die Stimmung. Der Hund schnappt nach allen, was vorbei kommt: Auch noch Konkurrenz, während die guten Brocken versinken. Ja, wir waren in unserem ersten Jahr auch da. Damit unser Hund Spaß hat und Hundekontakt. Wenn Hovilinchen auf 2 m Meter an den anderen Hund heran kommt und keine Sekunde vorher, höre ich: „Der Hund hat Angst!“ Der Angsthund steht wedelnd vor meiner Großen, das Frauchen nörgelnd daneben. Ich leine an. Der Retriever vorm Bootshaus ist territorial und mit dem Durchgangsverkehr überfordert. Wär schön gewesen, das vorher zu wissen. An der östlichen Kieler Förde ist es ebenso betriebsam: Dort regulieren zwei Doggen den Strand, die Besitzer sind gestandene Kerle mit Durchblick: „Das regeln die unter sich.“ Klar, links und rechts ein Hund mit Schulterhöhe von 80 cm am Hals, da rette sich, wer kann. Rückruf kennt hier keiner, sicher.

Sommer am Hundestrand ist krasser. Maximal 200 m Strandbreite sind für die Hunde-Menschen freigegeben, wahlweise Kiesstrand oder aber zu teilen mit den Kite-Surfern. Das ist nur schön ohne Hund. Der Terriermix ist ein Balljunkie, sein Besitzer wirft zwei Stunden lang Steine ins Wasser, der Bordercollie rennt die gleiche Zeit lang mit, der dazu gehörige Mensch liegt und ordert ihn in regelmäßigen Abständen erfolglos auf die Decke. Als wir nach dem Schwimmen ausruhen, gerät die Hoviline in Dauerstress: da geht einer an meiner Strandmuschel vorbei, und da noch mal… haben wir dann auch gelassen. Den Gesprächen über Deckrüdenqualitäten auf Schwäbisch war ich nicht gewachsen, und wenn der Labrador an meinen Rucksack pinkelt und die Besitzerin ruft, dass der doch sicher waschbar sei… Nee, die schönsten Strandspaziergänge sind im November, bei Nieselregen.

Unabhängig vom Ort kommt regelmäßig die Frage: „Ist das ein Rüde?“ Notfalls wird der Boxer mittig auf dem Weg geparkt: „Ich will das aber wissen!“ Oh Mann ey, von Ihnen weiß ich schon genug, Seitenwechsel des Hovis und vorbei.

Zwei Hunde im Freilauf, mein Hund neben mir wird sofort angeleint. Der Mann schnappt trotzdem (oder gerade deswegen?) über, leint hektisch schreiend an: sein Hund sei als Welpe mal gebissen worden! Der hat jetzt Angst!! Ganz ruhig, gaaaanz ruhig!!!

Richtige Angsthunde sind diejenigen, deren Besitzer einfach nicht aufgeben. Rein ins Gewühl, noch mal ein Hundekontakt! Ist 99 Mal schiefgegangen, da wird es doch heute… Oh, schade, vielleicht beim nächsten Mal, tschühüs!

Warum kleine Hunde und ihre Dosenöffner fast durchgehend daneben sind, habe ich noch nicht verstanden. Pöbelnd an langer Leine kommen die beiden weißen Wuschels uns entgegen, die Frau meint nur: „Na los, lass dich mal beißen.“  Für die Erziehung der kleinen Ratte fühlen wir uns nicht zuständig. Unser Bogen ist groß, aber nicht respektvoll.

„Fee, Fee, komm her“ ruft die ältere Dame, aber Klein-Fee denkt nicht dran. Warum auch? Das Frauli läuft ja wie ein Zombie hinter ihr her und drückt sie immer weiter auf uns zu: „Sie hört ja nicht. In der Hundeschule waren wir auch mal.“ Aha. Ich erkläre freundlich, dass ich einen Grund habe, meine (läufige) Hündin anzuleinen, dass solche Kontakte nicht immer gut ausgehen müssen.
Bei unserem nächsten Treffen leint sie ab, sobald sie mich sieht. Dies Mal kann ich das auch, und die Hoviline gibt Vollgas. Mitten im Gewühl überlegt Frauli es sich anders: „Ich glaube, ich möchte doch lieber anleinen,“ und grabscht zwischen den spielenden Hunden herum. Das wiederholt sich so noch einige Male, die Reaktionszeiten bleiben sich gleich. Ich gebe auf.

Der Labrador, der in vollem Galopp im Wald auf uns zurast, kein Mensch zu sehen… die Empörung der später eintreffenden Nicht-Halterin über meine Intoleranz, der kläffende Terrier, der das Reh an uns vorbei hetzt: da hab ich die Besitzerin eine Stunde später kennengelernt, als der Hund wieder an der Flexileine hing und sie immer noch am Smartphone… Mehr will ich gar nicht wissen.

Am See treffe ich ein älteres Ehepaar. Der kleine Hund steht vor ihnen, die beiden verstecken sich dahinter, als wir näher kommen. Einfacher wäre es, sie ließen uns vorbei. So ist es kompliziert, aber unterhaltsam: Wie passen zwei erwachsene, füllige Menschen hinter einen Hund von 35 cm Höhe?
Meine Hündin ist groß, überwiegend schwarz. Dass sie auch gefährlich ist, beweist die Tatsache, dass sie leinenführig ist. Sonst liefe sie ja frei. Gute Erziehung des Hundes beweist den Charakterfehler desselben. Mein Nachbar fragt, ob wir etwa immer noch zur Hundeschule gehen? Klingt wie: „Dein Hund ist wohl ziemlich doof.“

Bei einem unserer ersten Ausflüge, saßen wir auf dem Bürgersteig, guckten in der verkehrsberuhigten Zone dem Bus hinterher, als ein Rauhhaardackel auf uns zu gelenkt wurde. Auf meine Bitte, Abstand von meinem Welpen zu halten, wurde ich angefaucht: „Dann lernt ihr Hund eben nichts!“ Chance vertan, wir waren halt ein bisschen doof. Und so ist es geblieben.