17 Jahre lang wohnten wir in der gleichen Reihenhaussiedlung, seit vier Jahren lebt die Hoviline bei uns. Vor zwei Jahren haben die stillen Nachbarn aus Haus Nr.12 begonnen, mir im Vorübergehen zuzunicken. So gesprächig hatte ich mir die Norddeutschen vor dem Zuzug aus Hessen als originäre Saarländerin immer vorgestellt.

Vor einem Jahr kam dann die Mitteilung: „Wir hatten früher auch mal einen Hund.“ Na also, wird doch! An die 80 sind die beiden jetzt. Immer im Doppelpack unterwegs wieseln sie flink an mir vorüber. Frau M. geht gebeugt, für den freundlichen Blick muss sie in die Knie gehen und sich nach hinten verbiegen. Der Mann ist wortkarger als sie.

An einem heißen Sommernachmittag traben die Hoviline und ich durch den Wald und um den See, durch die Schrebergärten, schließlich vorbei an den Schülern der Oberstufe, die stehen dort eingehüllt in Schwaden von Cannabis in der Mittagpause. Vor mir tippelt eine kleine Gestalt in Turnschuhen mit rasanter Igelfrisur: Die Nachbarin ist ausnahmsweise alleine unterwegs. Ja, der Mann will heute Abend noch zum Sport, beides, Spaziergang und Sport, das ist ihm bei hochsommerlichen Temperaturen denn doch zu viel. Aber - es geht in Ordnung. Die jungen Leute sind so freundlich zu ihr, grüßen immer nett, wenn sie ihren Weg kreuzt. Es ist ein schöner sonniger Sommertag. Mein Hund ist auch nett. Und sie kommt unvermittelt ins Erzählen: Der Vater war schon tot, die Mutter starb, als sie 10 war. Nach dem Krieg kam sie ins russische Kinderheim. Man habe sich gut um sie gekümmert; neue Fußlappen gab es alle 14 Tage. Sie habe ja keine Eltern mehr gehabt, die die Ausbildung zur Krankenschwester bezahlt hätten. Und weiter, wie sich eine gute Seele fand, die sie finanziell unterstützte, damit sie lernen durfte. Wie sie mit ihrer Freundin beschloss, Norddeutschland kennen zu lernen und die beiden jungen Frauen alle zwei Jahre die Arbeitsstelle wechselten: Work and travel vor 60, 65 Jahren. Von Hannover bis Kiel sind sie in den folgenden sechs oder acht Jahren gekommen. Dort hat sie geheiratet. Nach der Geburt der Tochter habe sie nachts in der chirurgischen Ambulanz gearbeitet, der Mann tagsüber. Sie sagt mir nicht, wie da noch ein Hund zwischen gepasst hat. Dafür ist auch jetzt gar keine Zeit mehr, denn ich will über den Bohlenweg durch`s Schilf nach Hause, und Frau M. macht noch einen kleinen Umweg.

Inzwischen kenne ich auch den Lieblingsstrand der beiden und weiß, dass sie beidseits Hüftprothesen hat. Meine Erwiderung, das sei nur gut, da sie ja kein Sitzfleisch habe, quittiert sie mit Nicken und Lächeln. Bei all diesen Begegnungen ist meine Hoviline dabei, Katalysator fürs Zwischenmenschliche, Herzöffnerin für einen Ausflug in das Schicksal einer Kriegswaise: Am Ende war alles gut.

Wir sind im Sommer umgezogen, und die beiden fehlen mir. Ein bisschen.